Heute ist es genau ein Jahr her und ich erinnere mich noch als wäre es gestern gewesen:
Ich konnte die Nacht kaum schlafen und war mir nicht sicher was auf mich wartete. Ich machte mich mit engen Freunden auf, um Deutschland, dem Unrecht und sämtlichen mir aufgetischten Lügen den Rücken zu kehren.
Leider musste ich mich dafür auch von meiner Tochter verabschieden, aber man wollte sowieso nicht, dass sie ihren Vater behält.
Ich hatte mein Gepäck bereits am Wochenende verpackt und mich von meinen Freunden verabschiedet, somit stand die Abreise fest, aber nun war es soweit. Nach dem großen Abschied, stand ich nun das erste Mal seit langer Zeit wieder vollkommen alleine da. Ich trank einen Kaffee und blickte zurück auf das, was mir in den letzten 14 Monaten passiert war.
Noch ein wenig ungläubig und mit einer grossen Ungewissheit, trat ich also nun ein neues Leben an. Nicht wissend, was mich erwartete, aber wohl wissend, was mich nun in Deutschland zumindest nicht (mehr) erwartete. Zurückblickend muss ich heute sagen, es muss schon einiges dazu gehören, jemanden so weit in die Enge zu treiben, dass er ausbrechen will und bereit ist, mit seinem bisherigen Leben radikal zu brechen. Alles hinter sich zu lassen, einen Neuanfang zu wagen, ohne aber genau zu wissen, wie dieser wohl aussehen mag.
Eine letzte Zollkontrolle in Deutschland, wo man mir genau in die Augen schaute, um mir dann “einen schönen Flug” zu wünschen. Ich ging durch eine Automatiktür und befand mich offiziell im allgemeinen Luftraum, zwar noch in Deutschland aber immerhin. Ich holte mir eine Zeitung und versuchte etwas zu lesen, aber durch eine innere Unruhe vermochte ich den Artikeln nicht richtig zu folgen. Es folge das Boarding, die Maschine hob ab und kurz danach lehnte ich mich zurück, um ein wenig zu schlafen. Als ich erwachte, war es ruhig und Deutschland auf der Flugkarte schon gar nicht mehr zu sehen – ich fühlte mich auf einmal irgendwie frei. Die junge Dame neben mir schaute mich an und fragte ob alles in Ordnung sei, aber mehr als ein “jetzt schon” brachte ich nicht über die Lippen und sackte wieder zurück.
34 Stunden später – wieder eine Passkontrolle, ein Lächeln, ein Stempel und ein Nicken, ein ewig langer Weg zu meinem Gepäck, ein Durchwinken am Zoll, eine Ankunftshalle, die erste Zigarette und nur ein Gedanke: “geschafft”.
Von nun an sollte alles anders laufen, ich hätte nichts mehr zu befürchten und könnte neu anfangen. Neuanfang, etwas von fängt von neuem an oder etwas neu beginnen? Hoffe doch letzteres, aber das wird erst die nun wieder offene Zukunft zeigen.
Doch zurück in die Gegenwart, was ist passiert – unglaublich, wie schnell so ein Jahr vergeht und womit man sich vor allem die Zeit vertreibt. Kurzer Einblick gefällig?
In den vergangenen 365 Tagen habe ich – zumindest sagen es so meine Aufzeichungen – mit 753 Blockbustern, 19 Serien, 43 Konsolenspielen und dem schreiben von Bewerbungen verbracht.
Zudem habe ich mich weitergebildet und einige Trainings in unterschiedlichen Bereichen absolviert. Ich habe einen Blog erschaffen, der in Kürze die 100.000 Besuchermarke knacken wird und ich glaube sehr viele interessante Inhalte bereithält. Ich habe einen Werbefilm erstellt, wie ich mir Familienwerbung in der Zukunft in Deutschland vorstelle, sowie noch so einiges anderes, was ich aber hier nicht weiter erläutern möchte.
Ich habe einen interessanten Menschen getroffen, der mir wirklich ans Herz gewachsen ist und den ich schon jetzt vermisse. Darüber hinaus habe viele neue Kontakte geschlossen mit anderen Betroffenen und auch welchen, die mich zwar verstehen können, die diesen Schritt aber nie so konsequent gegangen wären.
Ich könnte noch so viel mehr schreiben, aber ich denke es ist ausreichend, wenn ich sage, ich bereue den Schritt nicht und er war der Richtige. Ich kann mir nur schwer ausmalen, wie es geworden wäre, wenn ich in Deutschland geblieben wäre, wo man mir heute bei Einreise mit Verhaftung droht.
Man hat mein Leben in Deutschland zerstört, versucht mich zu brechen und zu unterdrücken, und ich habe das gemacht, was jeder andere ebenfalls tun sollte, der sich damit konfrontiert sieht: einen Neuanfang.
In diesem Sinne, stosse ich virtuell mit Euch auf eine bessere Zukunft an.
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